Zwischen Idealismus und Pragmatik schwankend
Wie sehr ich doch Mitgefühl lobe. Selbst wenn ich wieder einmal eine Textstelle antreffe, in der Mitgefühl als die höchste Form der Liebe gepriesen wird, schüttle ich nicht den Kopf. Jedoch dünkt es mich in manchen Situationen wenig Wert, Mitgefühl aufzubringen, wenn es nicht von Verständnis begleitet wird. Dabei denke ich bewusst an Leute, meine Wenigkeit vielleicht inbegriffen, deren stilles Ego sie zwar nicht dazu zwingt, sich öffentlich über andere zu stellen, sie es aber von Grund sind, wenn sie sich nicht gerade damit beschäftigen. Leute die sich selbst als Gut bezeichnen ohne sich überhaupt richtig mit dem Bösen, mit dem Abgrund auseinandergesetzt zu haben.
Diese Leute, die ihr Idealbild für feste Wirklichkeit zu halten scheinen und die noch nichts von der Pragmatik des Lebens mitbekommen haben, sind dann genau die, die kein Verständnis für eine andere Situation aufbringen können.
„Ich meine ich weiss ja, dass man sich nicht nach aussen hin orientieren sollte, doch ab und zu ist es halt schon schwer, single zu sein“, sagt er und bekommt mit verständnislosen Augen als Antwort:
„Aber du solltest doch eigentlich alle Zeit geniessen, die du hast? Egal ob du jetzt allein oder zu zweit bist?“
Ja dann entschuldige, dass ich Mensch bin und nicht immer perfekt agiere. Entschuldige, dass ich mir noch oft Gedanken mache, dass ich noch oft wehmütig und melancholisch zu Hause sitze und das ich rauche und trinke, obwohl es nicht gesund ist. Entschuldige, dass ich fehlerhaft, dass ich menschlich bin?
Die Qual der Wahl zwischen zwei verschiedenen Leben. Einerseits das Leben des nach Göttlichkeit strebenden, nach Perfektionismus suchenden. Bis zu guter Letzt kein einziges Laster mehr durch sein Wesen und kein böser Gedanke mehr durch seinen Kopf zieht.
Andererseits das Leben des Menschen in all seinen Facetten, geprägt von Emotionen, impulsiven Handlungen und vor allem, geprägt von der Sünde. Denn der Mensch ist zwar nicht a priori ein zur Sünde verdammtes Wesen, es scheint jedoch in dem Entschluss, alle Gefühle auszuleben verankert. Denn durch das Akzeptieren der eigenen Unperfektheit gibt es zwar, ideal gesehen, keine Sünden mehr, doch passieren uns immer wieder Dinge, für die wir eine gewisse Reue empfinden.
Und kommt mir jetzt nicht damit, dass Reue eine Empfindung ist, die keinen Platz verdient hätte, weil es in einem Moment genau das war, was man wollte. Das sagt ihr nämlich nur, weil Reue euch nichts bringt. Würde sie euch nützen, ihr würdet euch kriechend in ihr wälzen.
Alles was ich nun kann ist Mitgefühl empfinden obwohl ich es nicht verstehe.
Und vielleicht nur um mich selbst zu retten, muss ich behaupten, dass Mitgefühl ohne Verständnis vielleicht gar nicht schlecht ist.
Es wäre zumindest ein Anfang.
Es dankt fürs Lesen, Kapitän Auven
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