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Tumult und Teufel

Guten Abend

 

Samstag Abend, 3Uhr Nachts.
Seufzend und schweigend drehe ich meinen Kopf nach oben und starre an die Balken der Decke.
Neben mir zwei leere Feldschlösschen, ein Wecker und ein Stapel Bücher.
Ich werde von Gefühlen übermannt, die mich dazu zwingen, alles etwas lockerer zu sehen.
Normalerweise ist das der Fall, wenn ich etwa zwei Stunden eher depressiv nachgedacht habe, und dann bemerke, dass das Problem kein Problem ist, sondern eine Projektion, die im Moment keine Lösung braucht.
Warum genau ICH mich fast jeden Tag mit diesen verdammten Existenzfragen herum schlagen muss, ist mir weiterhin ein unlösbares Rätsel. Dabei fühle ich mich bei diesen Fragen, wie ein Henker, der seinen eigenen Strick knüpfen muss. Über etwas nachzudenken, was ich niemals begreifen kann, ist nur hilfreich, wenn ich mich damit abfinden kann, keine Antwort parat zu haben.. Vielleicht wenn man Freude an dem ganzen Scheiss empfindet, man gerne spielt… oder Freude am Spielen hat. Überrascht von dieser Formulierung, schnellen meine Augenbrauen in die Höhe und mein Gesicht verzieht sich, als wäre ich ein gläubiger Christ, der gerade den Papst vorbei laufen sieht.
Ich stocke und murmle leise… Freude am Spiel?
JA! Freude am Spiel!
Plötzlich pumpen sich meine Adern voll Blut und ein schönes Gefühl von Wärme durchströmt mich.
Aus lauter Euphorie springe ich mitten aus dem Bett auf und rutsche dabei auf dem Handtuch aus, welches ich nach dem Duschen wohl liegen gelassen habe.
Noch im Flug verfluche ich meine eigene Vergesslichkeit, bis ich schließlich, mit einem dumpfen Knall mit dem Kopf gegen die Wand brettere.

 

Meine Augenlider sind tonnenschwer, sodass es mich mehrere Versuche kostet sie wieder aufzumachen.
Alles noch wie vorher, denke ich mir und will ins Bad gehen.
Ich öffne die Schlafzimmertüre und vor mir steht eine zwei Meter grosse Gestalt, adrett in einen schwarzen, seidenen Smoking gekleidet, mit einem schwarzen Zylinder und ebenso dunklen Schuhen.
„Hallo Auven“ sagt die Stimme
„Tag, ich muss kurz ins Bad“
„Natürlich“
Die Gestalt bewegt sich ein Stück zur Seite.
Etwa zwanzig Sekunden später bemerke ich, dass da gerade eine Person in meiner Wohnung steht, die mich kennt und verdammt teuer eingekleidet ist. In einer Mischung aus völliger Perplexität und Verzweiflung tue ich das erste, was mir einfällt.
„Aaaaaah, was zur Hölle?“
Die Person lacht.
„Du solltest nicht so viel rauchen, deine Reflexe kannst du zwar auf die Verschlafenheit schieben, aber es ist dennoch nicht gut für deine Gesundheit.“
„Warum lachst du? Ehm.. Warum lachen Sie?“
„Bleib beim du. Wir sind hier nicht in einer Schulklasse wo du direkt den Respekt verlierst, wenn du mich direkt ansprichst. Nunja….
Der Mann nimmt seinen Hut ab und zündet sich eine Zigarette an. „Du hast Hölle gesagt, stört dich hoffentlich nicht, wenn ich rauche, ich hab sowieso keine Lunge, die kaputt gehen könnte.“
Ich fühle mich erstaunlich gelassen. Womöglich ist die Situation einfach zu suspekt, als dass ich mir überhaupt die Mühe machen würde, die Situation zu begreifen. Ich frage nach einer Zigarette, mit der sehnsüchtigen Hoffnung, dass mich diese vielleicht umbringt und mich aus der Situation rettet.
Ich nehme eines der Feuerzeuge, die ich auf Partys immer unbewusst einstecke und versuche mit dem ersten Zug, möglichst viel des benebelnden Rauchs zu inhalieren.
Ich schaue, die geduldig wartende Person schließlich mit einem gemütlichen Blick an und versuche ihr Wörter entgegen zu spucken, bringe aber nur drei Worte heraus.
„Wer bist du?“
Die Gestalt, klatscht plötzlich aufgeregt in die Hände
„Endlich, endlich kommt die Frage, die eigentlich bereits am Anfang hätte aufkommen müssen.“
Er deutet auf den Spiegel im Gang
„Schau mal genau hin. Ich habe kein Spiegelbild.“
Ich überlege scharf für ein paar Sekunden.
„Bist du ein Vampir?“
„Ich will dein Blut! Der Mann fährt plötzlich scharfe Zähne aus, während er grinst.
Ich reagiere panisch und versuche auf die schnelle immerhin noch eine zweite Zigarette aufzutreiben, bis in diesem Moment die Gesalt plötzlich erneut beginnt, sehr schrill zu lachen.
„Ich mach doch nur Spass. Du hast echt zu viele Filme gesehen und vor allem hast du viel zu viel Fantasie.
Was ja eigentlich nichts schlechtes ist. Obwohl man doch in deiner schönen westlichen Welt, eher nach blinder Produktivität verlangt als nach individueller Selbstverwirklichung. Oder“?
Egal mit wem ich es hier zu tun habe, die Person hat entweder Humor oder ist einfach völlig Geisteskrank. Leider bezeichne ich mich selbst zu oft auch so, darum beschließe ich, des Risikos bewusst, erneut verarscht zu werden, doch zu fragen.
„Sondern?“
„Ich gebe dir einen Tipp.“
Plötzlich hält der gepflegte Mann eine Sense in der Hand und schwingt sie mit erstaunlich guter Präzision an mir vorbei.
Ich schlucke ganz trocken und stottere
„D..d.d.der alte Heinrich?“
Die Gestalt lacht.
Langsam geht mir dieses Lachen echt auf den Sack, denke ich mir. Es zerreißt mir ja fast das Trommelfell.
„In welchem Jahrhundert wird dieser Ausdruck denn noch verwendet? Du leidest wohl echt langsam unter Realitätsverlust. Lebe ein bisschen mehr im Moment als dir täglich Gedanken über Dinge zu machen, die sowieso nie passieren werden.“
Diese Person weiß wohl so ziemlich alles über mich. Die einzige übrig gebliebene Option, mich ihr nicht völlig auszuhändigen, lässt mir die Haare zu Berge stehen.
„Nein, ich bin nicht der Tod, Auven.“
„Und es ist völlig egal, wer ich bin. Ob Gott oder Teufel oder etwas völlig anderes. Die Situation gehört mir und du hast, deinem Gesichtsausdruck nach zu urteilen, endlich begriffen, dass du mir völlig ausgeliefert bist.
„Was willst du von mir?“
Ist die Situation erst erkannt und die Tatsache akzeptiert, fällt es mir viel einfacher, mit ihm normal zu reden.
„Nichts, mir ist eigentlich nur völlig langweilig. Aber ich werde dich vielleicht bald wieder einmal besuchen. Als Belohnung für das ganze Theater, darfst du mir aber eine Frage stellen, die ich dir beantworten werde.“
„Wenn du doch bloß wüsstest, wie schrecklich langweilig die Ewigkeit ist. Und wie ewig!“
Toll, denke ich mir. Mein Entführer hat sogar noch einen schlechten Humor. Vielleicht beginne ich ein Stockholm-Syndrom zu entwickeln, doch ich beginne mich mit ihm zu unterhalten.
„Dir ist sicherlich auch bekannt, dass auch ich mich täglich mit Existenzfragen bemühen muss, oder?“
Die Gestalt nickt.
„Ja. Und morgen wirst du dich mit einem roten Fleck an deiner Wand und einem ziemlich brummenden Schädel abmühen müssen.“
„Aber ich muss jetzt wirklich los. Ich hörte es gibt gerade eine Riesenfete in Nizza, bei dem sich gerade mindestens fünf Leute zu Tode trinken. Deine Frage?“
„Gut.“
Und so beginne ich.
„Da der Sinn eher Subjektiv ist frage ich besser nach dem Grund, warum wir Leben.
Warum?“
Die Gestalt lacht etwas leiser und setzt sich seinen Hut wieder auf.
„Warum eigentlich nicht Auven?”
Dann wird mir schwindelig und ich taumle solange, bis ich mit meinem Gesicht unfreiwillig den Boden küsse.
„Arschloch“, murmle ich noch.
Obwohl mir die Antwort doch eigentlich recht befriedigend erschien.

Ich öffne meine Augen. Mit einer blutverschmierten Hand, versuche ich im Dunkeln den Wecker zu ertasten, bis dieser endlich aufleuchtet.
14:45!?
Ich muss mich beeilen sonst komme ich noch zu spät!
Schnell unter die Dusche, danach den Kopf ein wenig versorgen und dann los rennen, denke ich mir, als ich etwas langsam durch den Gang schlendere.
„Warum eigentlich nicht?“ murmle ich heiser, mit einem schrecklich dumpf pochenden Schädel. Bis ich feststellen muss, dass sich meine Mundwinkel zu einem Lächeln geformt haben und ich mich auf den neuen Tag freue.

 

Es dankt fürs Lesen, Kapitän Auven

Kategorien:1
  1. 20. März 2011 um 00:48 | #1

    Es gibt ja auch noch Seiten mit gutem Inhalt !

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